Franziska Kastler

Franziska Kastler

geb. Waigel
* 24.02.1926 in Riedhausen
† 30.06.2016 in Niederstotzingen
Erstellt von Uwe Fahrbach
Angelegt am 02.07.2016
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Über den Trauerfall (1)

Hier finden Sie ganz besondere Erinnerungen an Franziska Kastler, wie z.B. Bilder von schönen Momenten, die Trauerrede oder die Lebensgeschichte.

Ihr Leben - Ihr Sterben

03.10.2016 um 15:57 Uhr

 

Franziska Kastler

24.02.1926 - 30.6.2016

Geb. in Riedhausen, Bayern

Gestorben in Günzburg, Bayern

 

Ihr Leben - ihr Sterben

 

Franziska Kastler wurde in Riedhausen bei Günzburg (Bayern) geboren: Der Vater ist Schäfer auf dem eigenen Hof, die Mutter für die Kinder, Haus, Stall und Garten da. Franziska, genannt Fanny ist das zweitälteste von 7 Kindern (Magdalena, Maria, Franziska, Karl, Leonhard, Emma und Erik) und hat alle ihre Geschwister überlebt. Ihre ältere Schwester Maria ist Ende 2015 gestorben, auch an den Folgen eines Schlaganfalles.

 

Obwohl sie den 2. Weltkrieg erleben musste, habe sie nie Hunger gelitten. Der Schäferhof gab immer so viel her, dass die Familie gut davon leben konnte und unsere Mutter berichtet oft, wie gut ihre eigene Mutter kochen und backen konnte. Auch unsere Mutter war zeitlebens eine hervorragende Köchin, die ganze Kommunion- und Konfirmationsgesellschaften bekochen konnte. Jedes von uns Kindern kann auf Anhieb mehrere Gerichte nennen, die es fürs Leben gern noch einmal so essen würde, wie es die Mutter gemacht hat: Dampfnudeln mit Dörrobst, Hefeknöpfle mit Sauerkraut und Schweinebraten, Bayrisches Kartoffelgemüse, Saure Kutteln, Linsen und Spätzle, Ofenschlupfer und vieles mehr.

 

Sie war nach der Schulzeit auf einem Gut und arbeitete auch in der Psychiatrie als Pflegerin.

 

Unseren Vater Michael Jakob Kastler (genannt Michel oder 'Bäck') lernte sie, wie damals oft üblich, auf einer Hochzeit kennen und lieben. Die aus Niederstotzingen stammende Großmutter Katharina Kastler stimmte lange einer Hochzeit der Beiden nicht zu, da das Hause Kastler seit Generationen evangelisch  war und Katharina Kastler eine katholische Schwiegertochter aus Bayern auf keinen Fall akzeptieren wollte. Hinzu sei die Angst der Großmutter gekommen, dass mit Fanny eine ins Haus komme, die nur auf ihr Äußeres Wert lege und alles Geld kaputt mache.

Die erste Tochter Ros wird deshalb in Riedhausen geboren und wächst zuerst auf dem elterlichen Schäferhof mit auf. Sie wird katholisch getauft. Danach findet erst die evangelische Trauung von Michael und Franziska Kastler statt. 5 weitere Kinder werden dem Paar geschenkt: Heidi, Renate, Hildegard, Karl-Heinz und Sonja, die alle evangelisch getauft und konfirmiert werden. Auch Ros wird evangelisch konfirmiert.

Ihr Kind Hildegard muss das Ehepaar im Alter von 2 Jahren hergeben, denn das Mädchen wurde mit einem Herzfehler geboren und es war von Anfang an von den Ärzten prognostiziert, dass sie kein langes Leben haben werde. Die Mutter sagt oft, dass sie von Anfang an mehr wie ein Engel gewesen sei. Dieses Kind zu verlieren, hat sie geprägt und ist ihr sehr lange nachgegangen. Der sehr erwartete Sohn Karl-Heinz als 5. Kind kann den Verlust nicht ausmerzen, aber doch Trost schenken.

Das 6. Kind Sonja wird 16 Tage vor dem Tod des Vaters geboren. Franziska Kastler steht am 20.2.1965 alleine da mit 5 Kindern, die alle unter 18 Jahren sind. Der Ehemann Michael als selbstständiger Bäcker und Landwirt ist nicht sozial- und rentenversichert - eine staatliche Unterstützung ist nicht zu erwarten. Die Mutter bekommt Besuch von Steuerprüfern kurz nach dem Tod unseres Vaters und diese Steuerprüfer erweisen sich als gute Berater - die Ratschläge nimmt sie an und befolgt sie: Sie verkauft die Tiere der kleinen Landwirtschaft, reißt den Stall ab und baut die Bäckerei zukunftsträchtig von einer kleinen Lebensversicherung ihres Mannes aus. Sie stellt einen Meister ein, bis die eigene älteste Tochter Ros ausgebildet ist, um in der Backstube das Regiment zu übernehmen. In dieser Situation war sie dankbar für die Unterstützung, die sie durch die Niederstotzinger, Oberstotzinger, Stettener und Riedhausener erhalten hat - immer wieder erwähnt sie diese Dankbarkeit, dass sie als Geschäftsfrau unterstützt wurde.

In dieser schwierigen Zeit tröstet sie das Baby Sonja, das sie neben dem siebenjährigen Karl-Heinz, der 13-jährigem Renate und der 15-jährigem Heidi zu versorgen hat,  beim Verlust des so jungen Ehemannes.

Die Mutter war immer durch und durch Geschäftsfrau, der nichts zu viel war. Früh morgens steht sie in der Backstube, hilft, wo es brennt, aber schließt abends auch noch den Laden und macht die Kasse. Wenn in der Bäckerei und im Haushalt mal nichts zu tun ist, näht, strickt und ändert sie für die Mädchen Kleider und legt großen Wert darauf, dass trotz des wenigen Geldes, das die Familie zur Verfügung hat,  die Töchter schön angezogen sind.  Man sieht die Mutter in all den Jahren, in denen sie noch gut sehen konnte, meist nicht ohne eine Handarbeit in der Hand. Gobelins, Tischdecken, Strickarbeiten...waren ihre Freizeitbeschäftigung, solange ihr Sehvermögen dies zuließ.

Großmutter wird sie erstmals mit 50 Jahren und ist dann auch für die in Niederstotzingen lebende Enkelin Simone und den später geboren Hans-Peter eine Oma, bei der die Enkel sein können, während die Mutter Heidi beim Arbeiten ist.

Urlaube gab es wenige bei Franziska Kastler, obwohl sie es geliebt hat, die Welt zu bereisen, fremde Länder zu sehen und andere Kulturen kennenzulernen. Manche Länder hat sie nur für wenige Tage bereist, aber ihre Erinnerung bleib ihr: London, Griechenland, Paris, Italien, Kanada, ... Mit der italienischen Schwiegermutter der ältesten Tochter hat sie einige Schiffsreisen unternommen: Die Donau entlang, den Rhein, die Mosel, im Mittelmeer,...

Auch Theater, Oper und Musik hat sie geliebt, trotz ihrer wenigen Zeit hat sie über Jahre eine Dauerkarte im Theater Ulm gehabt.

Nach dem Tod des Mannes (sie war gerade 39 Jahre alt), hat sie nicht mehr geheiratet. Der Tod des Mannes kam für sie überraschend nach einer eigentlich erfolgreich verlaufenden Operation - sie habe damals nicht gedacht, dass er nicht wieder gesund werden würde. Der Ehemann Michael Kastler scheint eher damit gerechnet zu haben, da er die jüngste Tochter noch im Krankenhaus evangelisch taufen lässt.

In der Bäckerei hat Franziska Kastler noch im hohen Alter mitgearbeitet, war immer für die Kunden da, aber auch für ihre Kinder und die Familie. Eine Freude war es ihr bis ins hohe Alter, dass die Bäckerei an den Sohn Karl-Heinz überging.

Franziska Kastler hat sehr schwere Krankheiten und Schicksale durchstanden und sich nicht den Mut nehmen lassen und mit Gottes Hilfe Kraft gefunden. Auch den fast kompletten Verlust ihres Augenlichtes, der ihr das Handarbeiten und Lesen, das Erkennen von Gesichtern nahm, hat sie angenommen. Sie ging über viele Jahre trotz ihres eingeschränkten Sehens den gleichen Weg spazieren - lange Jahre mit ihrer Wegbegleiterin Maria Mack, die 2015 verstorben ist. Das tägliche Gespräch mit ihrer Weggefährtin und spät gefundenen Freundin hat sie nach deren Tod sehr vermisst.

Am 30.1.2016 verstirbt die älteste Tochter Ros mit 66 Jahren nach einer kurzen aber schweren Erkrankung. Sie hergeben zu müssen, war ein sehr harter Schlag für unsere Mutter: Oft sagte sie, 'ach, wenn doch ich statt Ros hätte gehen können'. Die Mutter nimmt der Tod der Tochter im Alter von 89 Jahren mit, sie weint wochenweise.

Sie hat bis zuletzt mit Unterstützung durch ihre Töchter Heidi und Renate und ihren Sohn Karl-Heinz selbstständig in ihrem eigenen Haus gelebt. Eine sehr gepflegte Frau war sie ihr Leben lang, selbst dankbar über jeden Besuch, den sie bekommen hat, konnte sie bis zuletzt an allen Familienfeiern teilnehmen. Eine große Hochzeit des Enkels Hans-Peter und dessen Ehefrau Kristina durfte sie noch 5 Wochen vor ihrem Tod erleben. Familienzusammenkünfte waren ihr wichtig und sie hat als Mittelpunkt und Dreh- und Angelpunkt unsere Familie zusammengehalten. Geburtstage, Weihnachten, Ostern, Muttertag, Allerheiligen waren wichtige Feiertage, an denen immer Familienzusammenkünfte stattfanden.

Am 25.6.2016 hat unsere Mutter nach dem Aufstehen und Ankleiden einen Schlaganfall erlitten, der ihr die Sprache nahm und eine Lähmung auf der linken Seite brachte. Auf der Wortebene war sie noch gut zu verstehen und wir denken, dass ihr Geist bis zum Schluss klar war. Sie hat ihre Kinder und Enkelkinder mit dem Namen  angesprochen. Die letzten Worte, die die Mutter an ihre Kinder richtete, waren am Mittwoch 'Danke für den Besuch'.

Die Dankbarkeit hat sich durch ihr Leben gezogen. Sie war dankbar für Ihr Leben, sie hat sich an der Natur gefreut, das Wachstum des Korns bis ins hohe Alter betrachtet, Blumen geliebt, den Wald, die Felder. Auch war sie dankbar für Ihr hohes Alter und ihre Selbstständigkeit, ihre Kinder und Enkelkinder und Urenkel. 'Dem lieben Herrgott habe ich viel zu verdanken'.

Dass sie am Ende ihres Weges angelangt sei, hat sie wohl auch gespürt, da sie zu meinem Bruder Karl-Heinz kurz vor dem Schlaganfall gesagt habe, dass sie jetzt nicht mehr viele Schritte auf ihrem Weg zu gehen habe. Sie hat immer darauf vertraut, dass sie erwartet werde, wenn der Tod komme. Dass ihre Tochter Ros vorausgegangen ist, hat ihr diese Reise vielleicht auch leichter gemacht. Vorbereitet war sie auf jeden Fall für den letzten Schritt.

Am 30.06.2016, genau 5 Monate nach dem Tod der ältesten Tochter Ros, schließt unsere Mutter um 0.07 Uhr für immer die Augen. Der Pfleger auf der geriatrischen Rehabilitationsstation berichtet, dass sie noch gut mitgeholfen habe, als sie bettfertig gemacht wurde. Es sei nicht abzusehen gewesen, dass sie in dieser Nacht versterben werde. Sie sei friedlich im Bett verstorben aufgefunden worden mit einem Lächeln im Gesicht.

Wir müssen Trost darin finden, dass wir unsere Mutter so lange haben durften und die Phase der Hilflosigkeit nach dem Schlaganfall so kurz war. Aber es ist halt die Mutter und sie fehlt doch sehr! Wir werden nicht mehr in ihrer engen alten Küche zusammenkommen und diese Küche mit der Eckbank und dem Sofa, die wird uns fehlen, da sie uns als Kinder und Erwachsene immer auch ein Stück Heimat war mit der Mutter, die zeitlebens am gleichen Platz saß.

Sie wird uns fehlen.

51 Jahre hat Franziska Kastler ihren Ehemann Michael Kastler überlebt - sie hat ihre letzte Ruhe im Grab unseres Vaters gefunden. Auch dies tröstet uns.

Wir vertrauen darauf, dass unsere Mutter an einem Ort angekommen ist,  vereint mit all ihren Lieben und weiterhin getragen von Gott.

Wir treten aus dem Dunkel

Wir treten aus dem Schatten bald in ein helles Licht.

Wir treten durch den Vorhang vor Gottes Angesicht.

Wir legen ab die Bürde, das müde Erdenkleid;

Sind fertig mit den Sorgen und mit dem letzten Leid. Wir treten aus dem Dunkel

nun in ein helles Licht.

Warum wir's Sterben nennen?

Ich weiß es nicht

 

      (Autor unbekannt)

 

Aufgezeichnet von Sonja Fahrbach, geb. Kastler, im Namen der Familie Kastler im Juli 2016